Gift schlucken in Kambodscha.

May 29, 2016

Wie man sich am besten in Kambodscha vergiften lässt. Hier ist meine Anleitung dazu.

 

Am ersten Tag in Phnom Phen gibt einer meiner heißgeliebten Flip Flops den Geist auf. Einfach so, ohne Vorwarnung. Da hatte ich sie über so viele Jahre perfekt eingelatscht und dann das. Ja, ok... nicht ganz ohne Vorwarnung, sie sahen mittlerweile wirklich bemitleidenswert aus. Dann ist es auch noch nicht gerade einfach in der Hauptstadt Kambodschas etwas zu finden, das nicht aus Plastik ist. Jedoch hab ich nach langer Suche doch neue Flip Flops finden können. In einem Kaufhaus, wo folgende Geschichte Ihren Anfang nahm:

Ich fahre die Treffe des Kaufhaus runter in Richtung Ausgang, da spricht mich eine kambodschanische, ältere Frau auf mein Tattoo an. Das Gespräch entwickelt sich in Richtung "meine Nichte möchte in Großhadern studieren, kannst du ihr vielleicht ein paar Tipps geben, wie das mit dem Studium in Deutschland so funktioniert?". "Nein, auf keinen Fall, traue der bloß nicht!" - geht mir zuerst durch den Kopf, dann wandelt sich das zu "jetzt sei doch mal nicht so scheu und nehme mit den Locals Kontakt auf!". 10 Minuten später finde ich mich auf einem Roller wieder, der durch Phnom Penh rast. Hinter mir die Dame vom Anfang und vor mir ihre Schwester. Die zwei sind super witzig und redselig, beide sprechen wirklich auffallend gutes Englisch - vor allem für kambodschanische Verhältnisse. 

Am Ziel angekommen stehe ich vor einer ziemlich noblen Hütte mit einem nagelneuen Prius davor. Da hat wohl wer einen Weg gefunden in Kambodscha an Geld zu kommen. Respekt. In dem Haus ist es von der Klimaanlage auf gefühlte 10 Grad herunter gekühlt, Ledersofas, Flatscreens... nicht gerade das typische Bild von Inneneinrichtungen in Phnom Penh, denke ich mir. 

Im Wohnzimmer wartet schon ein älterer Herr auf mich, der sofort beginnt auf auffallend gutem Englisch los zu plappern. Er arbeitet auf einem Kreuzer in Bangkok und ist dort Card-Dealer. Er fragt mich ca. eine Stunde über alles möglich aus und kommt immer wieder auf seinen Job zu sprechen. Nach einer Stunde hat sich das Gesprächsthema bei Kartenspielen eingependelt. Für mich gibt es kaum etwas ermüdenderes  als das, muss dazu gesagt werden. Ich langweile mich zu Tode und bin am Verdursten. Da ich deutscher bin, wird mir Bier angeboten. Ich lehne ab, weil Alkohol nicht gerade das ist, was ich jetzt möchte. Die Alternative ist ein Bier-Cola... Gebräu. Wobei es gar nicht so schlecht schmeckt, nur die Dose riecht nach Putzmittel. Ich bekomme noch Schinken und labberiges Toastbrot angeboten, ich lehne ab. Der alte Mann lässt nicht locker und fängt wieder mit Kartenspielen an, er möchte mir unbedingt Black-Jack beibringen. Irgendwann gebe ich nach und wir gehen ins Schlafzimmer wo schon ein kleiner Tisch mit Jetons bereitsteht. Ok, mir ist zu dem Zeitpunkt klar, dass der alte Herren und die Damen wohl irgendwie etwas von meinem Geld abhaben möchten. Nur wie zum Geier soll das geschehen? Ich bin neugierig, wie sie das bewerkstelligen wollen. Die alte Kartenspiel-Nervensäge erklärt mir in einer weiteren Stunde alle Regeln von Black-Jack. Ich versuche mich wach zu halten. Er fragt mich auch immer wieder aus, ob ich alles verstanden habe. Oh Gott ist das langweilig. Irgendwann geht die Türe auf und die Dame vom Anfang fragt, wie lange wir noch brauchen. "Nicht mehr lange"  meint der alte Mann "Gott sei Dank" denke ich und sie setzt sich zu uns. Wir sind mit allen Regeln durch, er hat mir sogar gezeigt, wie man zusammen mit dem Card-Dealer bescheißt. Wenn ich mal 20.000 Dollar habe, solle ich im Bescheid geben, dann kaufen wir uns in ein VIP Game auf seinem Kreuzer ein. Da gibt es keine Kameras, die uns beim Cheaten beobachten können. Klar, wenn ich so viel Geld habe, dann werde ich ihn auf jeden Fall anrufen. Warum auch nicht? Er meint noch, dass auf dem Schiff hauptsächlich Chinesen ihr Geld verzocken und die ja sowieso alle schlecht Spielen, dumm sind und viel zu viel Geld haben.

Es öffnet sich wieder die Tür und es steht ein kleiner ca. 40 jähriger Chinese darin. Er trägt einen Anzug, hat einen Koffer in der Hand und hat Lust jetzt mit mir um Geld Black-Jack zu spielen. Was für ein glücklicher Zufall, wo ich doch gerade alles über das Spiel gelernt habe. Der Card-Dealer zwinkert mir zu "den zocken wir ab!". Man hab ich ein Glück, dass zufällig gerade ein reicher Chinese im Schlafzimmer steht der offensichtlich gleich ein Menge Geld an mich verlieren wird. 

"Are you fucking kidding me!?!" lache ich laut los. Ok, jetzt reichts, das ist wirklich so stumpfsinnig blöd, dass ich mich für alle Anwesenden und die Scharade schäme. "Nein, nein! Den nehmen wir zusammen das Geld ab! Nur ein Spiel!". Der alte Gauner lässt nicht locker. Ich stehe auf und meine recht deutlich, dass ich JETZT gehen möchte. Alle im Raum weichen zurück und meinen "ok, you are allowed to go". Allowed? Wie meinen die das? Muss ich um Erlaubnis bitten das Haus verlassen zu dürfen? Was ist das nur für ein skurriler Haufen? Und warum weichen alle zurück, als hätte ich eine Waffe?

Wir spulen die Geschichte kurz zurück. Als ich Bier angeboten bekam und ich ablehnte wurde ich gefragt, ob ich generell keinen Alkohol trinke. Danach gleich, ob ich rauche. Ich verneinte. Ob ich Sport mache, fragte er mich. "Ja, ein wenig". "Was für einen Sport denn?". "Fitness und ein klein wenig Kampfsport". "So so... Kampfsport also, was genau denn?". "Ein klein wenig Thai-Boxen". Stille im Raum, alle schauen sich kurz an und schon geht die Unterhaltung weiter. 

Zurück ins Schlafzimmer: Ich verlasse den Raum, alle gehen zur Seite. Im Wohnzimmer steht plötzlich ein jüngerer, recht kleiner (noch kleiner als ich) aber kräftiger Kambodschaner. 

Die ältere Dame von Anfang meint, dass er mich jetzt nach Hause fährt. Wir sind draußen und ich springe auf seinen Roller auf. Die Fahrt geht los. An der Skyline Phnom Penhs gibt es ein recht markantes geschwungenes Hochhaus (ihr seht es auf dem ersten Foto ganz oben), von meinem jetzigen Standpunkt aus befindet es sich nördlich. Genau in die Richtung muss ich um zurück ins Hostel zu kommen. Mein Fahrer fährt aber in Richtung Osten. Ich checke nach ein paar Minuten mein Navi und tatsächlich, er fährt einfach immer weiter in die falsche Richtung. Irgendwann wird mir das zu blöd und ich springe bei der nächsten Gelegenheit vom Roller. "Ich geh noch was essen, brauchst mich nicht nach Hause zu fahren." meine ich. Er fragt mich ein paar Mal, ob ich mir sicher bin. "Ja, bin ich!". Er fährt davon. Auf dem Weg ins Hostel schicke ich meiner Freundin noch eine Nachricht, was mir gerade lustiges passiert ist. Angekommen in meinem Zimmer fühle ich mich ein wenig seltsam. Nach einer halben Stunde brennt mein Magen wie verrückt und der metallische, chemische Geruch von der Dose, die ich vom alten Card-Dealer bekommen habe, ist plötzlich überall. Ich schleppe mich zum Klo und verbringe die nächsten Stunden damit mich zu übergeben. (Meine Erinnerung daran ist etwas Lückenhaft und ein wenig verschwommen.) Ich schmeiße mir einen Säurehemmer ein und es wird etwas besser, sodass ich schlafen kann. Am nächsten Morgen checke ich meine Nachrichten und meine Freundin meint, dass sie die Story gegoogelt hat und dass genau vor dieser Masche gewarnt wird. Nochmal Glück gehabt :)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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